Erstmalige Suzanne-Eaton-Preise für Physik des Lebens

Mit den neuen internationalen „Physics of Life Awards“ werden herausragende Beiträge auf diesem Gebiet gewürdigt und die visionäre Forscherin Suzanne Eaton posthum geehrt.

Ankündigungsposter für die Suzanne-Eaton-Awards für Physik des Lebens © PoL

Das Exzellenzcluster Physik des Lebens (PoL) an der Technischen Universität Dresden (TUD) hat zum Gedenken an Suzanne Eaton (1961–2019) neue internationale Auszeichnungen ins Leben gerufen. Suzanne war seit 2001 Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) in Dresden. Sie war maßgeblich am Aufbau des Exzellenzclusters „Physics of Life“ (PoL) an der TU Dresden beteiligt und war eine der Gründungssprecherinnen des Clusters.

Eaton leistete durch ihre Arbeit zur Morphogenese der Drosophila-Flügel und ihre bahnbrechenden Studien zur großräumigen Ausbreitung von Morphogenen grundlegende Beiträge zum Verständnis dessen, wie Gewebe ihre Form und Größe erhalten. Über ihre eigenen Entdeckungen hinaus spielte sie eine Schlüsselrolle bei der Verknüpfung biologischer und physikalischer Ansätze zur Erforschung lebender Systeme und war eine zentrale Figur bei der Etablierung der „Physik des Lebens“ als eigenständiges Forschungsgebiet. Diese Auszeichnung würdigt ihr bleibendes Lebenswerk und den Geist des interdisziplinären Denkens, den sie in die Erforschung lebenswissenschaftlicher Themen eingebracht hat.

Mit den „Suzanne Eaton Awards for Physics of Life“ werden herausragende wissenschaftliche Beiträge zur Physik lebender Systeme gewürdigt, die theoretische, experimentelle und computergestützte Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Physik und Biologie umfassen. Die Auszeichnungen werden in zwei Kategorien verliehen: dem „Suzanne Eaton Physics of Life Award“ und dem „Suzanne Eaton Rising Star Award.“

Das Auswahlkomitee hat L. Mahadevan, Professor an der Harvard University, als Preisträger des erstmals verliehenen „Suzanne Eaton Physics of Life Award“ 2026 ausgewählt. Der „Rising Star Award“ 2026 geht an Anna Erzberger, Gruppenleiterin am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL). 

Zu Ehren der Preisträgerin und des Preisträgers findet im Rahmen der Jahrestagung des Exzellenzclusters „Physics of Life“ in Dresden die Preisverleihung statt. Die Veranstaltung am 20. November 2026 von 9:00 bis 11:30 Uhr wird für ein internationales Publikum auf dem YouTube-Kanal von „Physics of Life“ live übertragen. 

Suzanne Eaton Physics of Life Award Preisträger: L. Mahadevan (Harvard University)
L. Mahadevan ist Lola-England-de-Valpine-Professor für Angewandte Mathematik, Organismische und Evolutionsbiologie sowie Physik an der Harvard-Universität. Seine Arbeit hat dazu beigetragen, die Physik des Lebens zu definieren. Er zeigte, wie eine kleine Reihe theoretischer Prinzipien, die eng mit Experimenten verknüpft sind, die Formen und Bewegungen von mehrzelligen Geweben, Organen, Organismen und deren Gemeinschaften bestimmen.
 Von der Gastrulation über die Darmschlingenbildung bis hin zur Faltung des Gehirns, vom Stamm bis zur Morphologie von Blättern und Blüten – seine Beiträge auf diesem Gebiet haben gezeigt, wie wichtig wachstums- und aktivitätsgetriebene Instabilitäten für die Entstehung komplexer funktioneller Formen sind. Unabhängig davon hat er veranschaulicht, wie Pflanzen Instabilitäten nutzen, um langsame biologische Prozesse in schnelle, robuste Bewegungen umzuwandeln, wie schnelle Muskelkontraktionsraten letztlich durch langsame Wasserbewegungen begrenzt werden und wie Gehirn, Körper und Umwelt zusammenwirken, um die Bewegungsdynamik beispielsweise bei kriechenden Würmern, schlängelnden Schlangen sowie gehenden und schwimmenden Fischen zu koordinieren.
Weitere Arbeiten seiner Gruppe zu aktiven und kollektiven Systemen – von Zytoskelett-Anordnungen über Zellschichten bis hin zu sozialen Insekten wie Termitenschwärmen, Ameisenkolonien und Bienenclustern – haben lebende Kollektive als adaptive, empfindungsfähige Materie beschrieben, die verteilte physikalische Intelligenz nutzt, um physiologische Probleme in Maßstäben zu lösen, die weit über die des Einzelnen hinausgehen. Die Bandbreite der von seiner Forschung abgedeckten Themen zeugt von seiner bemerkenswerten Kreativität, die den Ideenaustausch zwischen Physik, Biologie, Ingenieurwesen und Mathematik zum Nutzen jeder einzelnen Disziplin gefördert hat. Er ist MacArthur-Fellow, Fellow der Royal Society of London sowie Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und der US-amerikanischen National Academy of Sciences 
„Es ist eine große Ehre, der erste Preisträger des Suzanne-Eaton-Preises für Lebensphysik zu sein. Suzanne Eatons ansteckende Begeisterung für grenzenlose Wissenschaft ist seit langem eine treibende Kraft in diesem Fachgebiet, und ich hatte das Glück, Teil des Kreises zu sein, den sie geprägt und geleitet hat. An der Schnittstelle von Physik und Biologie mit einer wunderbaren Gruppe von Studierenden, Postdoktoranden und Kollegen zu arbeiten, war ein Privileg, für das ich dankbar bin, und die Auszeichnung ist eine Anerkennung unserer gemeinsamen Bemühungen.“

Rising Star Award: Anna Erzberger, EMBL Heidelberg
Anna Erzberger ist Gruppenleiterin am EMBL in Heidelberg, wo sie sich in ihrer Forschung mit den theoretischen Prinzipien der Selbstorganisation in komplexen Systemen befasst und dabei zelluläre und multizelluläre Systeme als Paradigmen heranzieht. Ihre Forschungsarbeiten befassen sich unter anderem mit der Mechanik der frühen Entwicklung von Säugetieren, der Entstehung suprazellulärer Fluidität bei Musterbildungsprozessen sowie der Rolle aktiver Oberflächen und Formschwankungen bei der zellulären Signalverarbeitung. Im Jahr 2025 erhielt sie einen ERC Starting Grant und wurde als EMBO Young Investigator ausgewählt.
„Dass unsere Arbeit im Zusammenhang mit dem Lebenswerk von Suzanne Eaton gewürdigt wird, ist eine unglaubliche Ehre. Für mich haben ihre Leistungen und ihre Art, Wissenschaft zu betreiben, aufgezeigt, unter welchen Bedingungen ein riesiges Problemfeld wissenschaftlich erschlossen werden kann. Ein wesentlicher Teil davon war ein kompromisslos kooperativer Ansatz, der in unserer Gemeinschaft nach wie vor als höchster Maßstab für effektive Interdisziplinarität gilt.“